Lebensfreunde

Freunde des (ungeborenen) Lebens

Brief Hedwig Seelentag vom Sommer 2000

 

Liebe Freunde des Lebens,

ich bin Hedwig Seelentag. Vielleicht kennen Sie mich persönlich, vielleicht vom Telefonieren, Lesen oder Hörensagen. Ich habe 1974 die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) gegründet. Bis 1992 war ich Bundesvorsitzende, seither Ehrenvorsitzende. Mein ganz herzlicher Dank gilt allen, die unsere Arbeit in diesen 25 Jahren mit soviel Leben erfüllt haben! Immer habe ich mich mit aller Kraft für das Leben, besonders der ungeborenen Kinder und für ihre Eltern eingesetzt. Das will ich auch weiterhin tun.

Deshalb bin ich aus der ALfA ausgetreten.

Ich will damit auf eine Entwicklung in der ALfA aufmerksam machen, die ich für sehr schädlich halte: Die Voraussetzungen für eine wirksame ALfA-Tätigkeit sind in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Der Grund ist eine zunehmende Polarisierung innerhalb der ALfA, die zur Bildung von zwei Lagern geführt hat: Auf der einen Seite eine extrem konservativ katholische, unduldsame Gruppe und auf der anderen Seite toleranzwillige Leute. Besonders in der Öffentlichkeitsarbeit gewann die konservative Richtung maßgeblicher Vorstandsmitglieder immer mehr an Gewicht.

Als Ehrenvorsitzende wurde ich vielfach als eine Art Aushängeschild hierfür betrachtet. Das liegt in der Natur dieses Titels. So bin ich Repräsentantin einer Zielrichtung geworden, die ich nicht verantworten kann (Ich bin übrigens praktizierende Katholikin).

Die genannte ungute Entwicklung hat in den Stellungnahmen "der ALfA" gegen Donum Vitae ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Für mich und für viele aktive ALfA-Mitglieder ist das nicht tragbar.
Ich bin natürlich keineswegs aus der ALfA ausgetreten, weil sie Donum vitae nicht unterstützt (dies wurde behauptet im "Lebenszeichen" der ALfA, Nr. 47, Sommer 2000), sondern weil beschlossen wurde, Donum Vitae abzulehnen (abgedruckt im "Lebensforum" der ALfA, Nr. 54, 2. Quartal 2000). Bitte machen Sie sich praktische Folgen dieses Unterschieds klar!

Sind Sie mit den Zielen und der Arbeit von Donum Vitae vertraut? Wenn nicht, finden Sie hier Informationen zu
Donum Vitae zur Förderung des Schutzes des menschlichen Lebens e.V.
bzw.
Donum Vitae in Bayern e.V.

Donum Vitae stellt den Beratungsschein aus. Schwangerenberatungsstellen, die diesen Nachweis nicht geben, sind sehr wertvoll für Frauen, die z.B. soziale Hilfe oder Partnerberatung wollen. Schwangere, die den Schein wollen, werden so aber gar nicht erreicht. Geben Sie auch diesen Frauen und Kindern eine letzte Chance. Geben Sie Donum Vitae eine Chance in Ihrem Denken!

Vielleicht sagen Sie jetzt, in meinem ALfA-Regionalverband, oder in der Lebensrechtsgruppe, der ich angehöre, wird über Donum Vitae gar nicht geredet. Das wäre auch prima! Lassen Sie sich nicht stören bei der Arbeit, die dem Leben dient! Ganz, ganz herzlichen Dank für Ihren Einsatz!

Für etwaige Diskussionen über Donum Vitae und ähnliche Probleme habe ich aber eine Bitte:
Verletzen Sie nicht die Menschenwürde eines anderen Lebensrechtlers, weil er in diesem Punkt anders denkt als Sie. Auch Donum Vitae ist eine Lebensrechtsgruppe.

Viele herzliche Grüße
Ihre

Hedwig Seelentag


Zur Toleranz und zum Realitätssinn in der ALfA:

Seit der Gründung der ALfA hat sinngemäß ein Grundsatz bei ihr gegolten, der aus dem christlichen Menschenbild folgt: Der Mensch hat einen Wert an sich, ohne Rücksicht darauf, ob er von der Gesellschaft angenommen wird oder was er der Gesellschaft nützt. Wer aus diesem Grund das ungeborene Kind schützen will, ist herzlich willkommen.

Erfahrungsgemäß gibt es diese Einstellung zum Leben nicht nur im kirchlichen Raum und erfahrungsgemäß gibt es Leute, die - aus welchen Gründen auch immer - mit rein kirchlich orientierten Organisationen Schwierigkeiten haben.

Die Offenheit für ganz verschiedenen Menschen kann ungemein bereichernd wirken und erweitert den Blick für verschiedene Realitäten des Lebens. In besonderem Maß gilt das für soziale Arbeit mit Schwangeren sowie mit Teilfamilien und Familien in Not.

Leider scheint dieser Gesichtspunkt bei maßgebenden Mitgliedern des ALfA-Bundesvorstandes in den Hintergrund zu treten.


Lebenszeichen Nr. 47 - Sommer 2000 Lebensforum Nr. 54 - 2. Quartal 2000
Zitat aus dem Editorial von Dr. Claudia Kaminski zu meinem Austritt aus der ALfA: Zitat aus der Wiedergabe "Beschluss der Delegiertenversammlung: ALfA für Beratung ohne Schein" (Seite 6):
"Hintergrund der Entscheidung ist ein Beschluss der Bundesdelegiertenversammlung. ... Weiterhin wurde in der Mehrheitsentscheidung beschlossen, dass die Initiative "Donum Vitae" nicht unterstützt wird, ..." "Dagegen lehnt die ALfA die Initiative "Donum vitae" ab, ..."

Zum Beratungsschein und zu Donum Vitae (Geschenk des Lebens):

Im deutschen Abtreibungsstrafrecht haben wir eine Fristenlösung mit Beratungspflicht. Ob uns das paßt oder nicht paßt, steht hier nicht zur Diskussion. Eine Änderung ist nicht in Sicht.
Eine Abtreibung in den ersten drei Monaten ist straffrei, wenn die Frau durch eine anerkannte Beratungsstelle beraten worden ist. Dies muß überprüfbar sein - durch den Beratungsschein.

Die Beratung mit Schein hat also zwei Aspekte:
sh auch "Eine Dilemma-Situation - 16 Aspekte zur Schwangerenkonfliktberatung"

  • Sie ist oft die letzte Möglichkeit, mit der Frau ins Gespräch zu kommen, ihr zu helfen und sie möglicherweise für das Leben ihres Kindes zu gewinnen. Schwangere, die einen Abbruch erwägen, gehen in der Regel nur zu einer Beratungsstelle, die ihnen den Schein ausstellt. Das sind ca. 20% der Frauen, die eine Beratung beim Sozialdienst Katholischer Frauen in Anspruch nehmen. Ist es richtig, wenn wir diese letzte Chance, mit diesen Frauen in ein lebenserhaltendes Gespräch zu kommen, ungenutzt verstreichen lassen? Die Erfahrung zeigt: Es besteht eine Chance !

  • Der Schein kann aber auch für eine straffreie Abtreibung verwendet werden. Dabei ist folgendes zu bedenken: Das Gesetz schreibt eine flächendeckende Versorgung mit Beratungsstellen vor, die den Schein ausstellen. Dies bedeutet, daß eine Frau, die den Schein haben will, ihn ohnehin bekommt - wenn nicht von Donum Vitae, dann eben von einer anderen Beratungsstelle. Es steht also fest: Wir können nicht verhindern, daß diese Frau den Schein bekommt. Ist es da nicht am besten, sie geht zu Donum Vitae, wo das Beratungsgespräch besonders engagiert zum Schutz des Kindes geführt wird? Dafür sind die Beraterinnen von Donum Vitae bestens ausgebildet und motiviert. Wenn es trotz all ihrer Bemühungen zur Abtreibung kommt, dann nicht wegen Donum Vitae, sondern trotz Donum Vitae.


Reaktionen auf den obenstehenden Text, persönliche Erfahrungen mit Donum Vitae sowie einige Pressenotizen habe ich in meinem Brief vom Dezember 2000 zusammengefaßt, den Sie sich als pdf-File ansehen oder als Teilnehmer der Mailingliste im Archiv mit Datum 14.12.2000 lesen können.

In meinem Brief vom April 2001 gehe ich kurz auf Ziele und bisher Erreichtes bei Donum Vitae ein; der Schwerpunkt liegt aber auf ausgewählten Pressestimmen zu Kardinal Karl Lehmann und Bischof Franz Kamphaus im Zusammenhang mit der Schwangeren(konflikt)beratung.

Welchen Zweck hat der Beratungsschein - hier scheint es immer noch viele Unklarheiten zu geben. Im Brief vom Dezember 2001 versuche ich, ein paar Antworten zu geben.

 
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